Journalismus

  • Der Wal und wir – über Mitgefühl, Medien und die Frage nach den richtigen Prioritäten

    Seit Tagen beherrscht ein Wal in der Ostsee die Schlagzeilen. Ein Fall, der Medienkritik geradezu provoziert. Nachrichtensendungen berichten in Sonderschalten, Zeitungen veröffentlichen Live-Ticker, Experten werden interviewt, Drohnenbilder analysiert. Ein gestrandeter Meeressäuger in der Ostsee – ein Ereignis, das zweifellos ungewöhnlich ist. Aber ist es auch ein Ereignis, das diese enorme mediale Aufmerksamkeit rechtfertigt? Diese Frage ist weniger eine Frage über einen Wal. Es ist eine Frage über uns.

    Denn während Kamerateams am Strand stehen, sterben anderswo Menschen in Kriegen, geraten Demokratien unter Druck, kämpfen Familien mit steigenden Lebenshaltungskosten oder mit ganz persönlichen Krisen.

    Kreidezeichnung eines nachdenklichen Mannes, der am Strand der Ostsee Zeitung liest, während im Hintergrund ein Wal im Wasser liegt, Schaulustige zusehen und ein Schlauchboot kreist – symbolische Darstellung von Medienkritik

    Natürlich kann man argumentieren: Die Welt besteht nicht nur aus Katastrophen. Menschen brauchen auch Geschichten, die berühren. Geschichten, die Mitgefühl auslösen. Geschichten, die uns daran erinnern, dass wir noch fühlen können.

    Aber vielleicht liegt genau hier das Problem.

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  • Im Zweifel für die Schlagzeile? Über mediale Vorverurteilung – und die Verantwortung, die wir selbst tragen

    Der Prozess gegen Marius Borg Høiby ist noch nicht entschieden. Das Urteil steht aus. Und trotzdem entsteht beim Lesen vieler Berichte bereits ein ziemlich klares Bild davon, wer hier Täter und wer Opfer ist, wer glaubwürdig erscheint und wer nicht. Das ist verständlich. Aber genau darin liegt auch ein Problem.

    Denn Strafprozesse sind nicht auf den Gerichtssaal begrenzt. Sie finden auch in der Öffentlichkeit statt. Und manchmal – das ist die unbequeme Wahrheit – beginnen sie dort schon sehr viel früher. Ich weiß das auch deshalb so genau, weil ich selbst lange Teil dieses Systems war.

    Vorverurteilung in den Medien: Ein Beitrag von Jens Krömer aus Dortmund

    Der Sog der Dramaturgie

    Wenn man über Strafverfahren berichtet, gerät man schnell in eine journalistische Dramaturgie, die fast automatisch entsteht. Es gibt einen Vorwurf, ein mutmaßliches Opfer. Es gibt einen Beschuldigten. Und spätestens mit der Anklage gibt es Details, die Aufmerksamkeit erzeugen. Und es gibt eine Öffentlichkeit, die Antworten will.

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