Wenn man aktuelle Stellenanzeigen in der Kommunikation liest, entsteht ein klares Bild: Gesucht werden eierlegende Wollmilchsäue. Strategisch denkend, digital versiert, KI-affin, krisenfest, empathisch, durchsetzungsstark, international erfahren – und bitte mit zehn Jahren Berufserfahrung für eine Position, die es erst seit fünf Jahren gibt.
Doch die spannendere Frage ist vielleicht gar nicht, welche Skills in Anzeigen stehen. Sondern welche Fähigkeiten im Alltag wirklich den Unterschied machen.

Unsicherheit aushalten können
Eine Kompetenz wird aus meiner Sicht immer wichtiger: die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Resilienz in einer ganz besonderen Ausprägung.
Kommunikation war nie ein Beruf für Menschen, die nur in stabilen Rahmenbedingungen arbeiten wollen. Aber die Geschwindigkeit der Veränderungen hat noch einmal deutlich zugenommen. Themen entstehen schneller, Krisen entwickeln sich dynamischer, Erwartungen verändern sich ständig.
Man weiß oft nicht mehr:
- Wie lange ein Thema relevant bleibt
- Welche Entwicklung wirklich tragfähig ist
- Welche Entscheidung sich später als richtig herausstellt
Ambiguitätstoleranz – also die Fähigkeit, Widersprüche und Unsicherheit auszuhalten – ist deshalb keine theoretische Managementkompetenz mehr. Sie ist tägliches Handwerkszeug geworden.
Oder einfacher gesagt: Man muss arbeitsfähig bleiben, obwohl nicht alle Antworten feststehen.
Orientierung geben, ohne alle Antworten zu kennen
Eine der schwierigsten Aufgaben in der Kommunikation ist es, Orientierung zu geben, obwohl man selbst noch nicht alles weiß.
Das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Tatsächlich ist es aber genau das, was gute Kommunikationsarbeit ausmacht.
Es geht nicht darum, immer sofort perfekte Antworten zu haben. Es geht darum:
- Entwicklungen einzuordnen
- Risiken abzuschätzen
- Optionen aufzuzeigen
- Ruhe in unübersichtliche Situationen zu bringen
Gerade Führungskräfte brauchen keine Lautsprecher. Sie brauchen Gesprächspartner, die Dinge strukturieren können.
Das ist weniger eine Frage von Tools als von Haltung.
Ruhe als unterschätzte Kernkompetenz
Was in vielen Skill-Listen fehlt, ist eine Fähigkeit, die in der Praxis extrem wertvoll ist: Ruhe.
Nicht im Sinne von Passivität. Sondern im Sinne von Klarheit.
Wer in hektischen Situationen die Ruhe behält,
- stellt bessere Fragen,
- trifft bessere Entscheidungen,
- kommuniziert präziser,
- wird als verlässlicher wahrgenommen.
Viele Kommunikationsprobleme entstehen nicht durch mangelndes Fachwissen, sondern durch Aktionismus.
Manchmal ist der wichtigste Beitrag eines Kommunikators nicht die nächste Maßnahme. Sondern der Satz: „Lasst uns das kurz sortieren.“
Mut gehört auch dazu
Kommunikation bedeutet auch, unbequeme Wahrheiten anzusprechen.
Das kann bedeuten:
- unrealistische Erwartungen zu relativieren
- Risiken klar zu benennen
- von bestimmten Maßnahmen abzuraten
- Führung auch einmal zu widersprechen
Das erfordert Mut. Nicht im dramatischen Sinn. Sondern im professionellen Sinn.
Gute Kommunikationsverantwortliche sind keine reinen Umsetzer. Sie sind Berater. Und Beratung bedeutet auch, eine klare Position zu vertreten.
Technik wird wichtiger – aber sie ersetzt kein Urteilsvermögen
Natürlich verändern KI und neue Technologien das Berufsbild. Viele Aufgaben werden effizienter, manches wird automatisiert, anderes völlig neu entstehen.
Aber eine Sache bleibt konstant: Tools liefern Vorschläge. Verantwortung bleibt beim Menschen. Deshalb wird eine Fähigkeit noch wichtiger: Ergebnisse einordnen zu können.
Nicht alles, was gut formuliert ist, ist auch richtig. Nicht alles, was plausibel klingt, ist auch sinnvoll. Und nicht alles, was möglich ist, ist auch klug. Urteilsvermögen wird damit zur eigentlichen Schlüsselkompetenz.
Das Handwerk bleibt entscheidend
Bei aller Veränderung bleibt auch vieles erstaunlich konstant. Kommunikation ist und bleibt ein People Business.
Dazu gehören weiterhin:
- Beziehungen aufbauen
- Vertrauen entwickeln
- zuhören können
- Interessen verstehen
- unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen
Vielleicht verändert sich das Werkzeug. Aber nicht der Kern der Aufgabe.
Vielleicht ist die wichtigste Fähigkeit eine andere
Wenn ich eine Fähigkeit nennen müsste, die über allem steht, dann wäre es wahrscheinlich diese: Lernfähigkeit. Nicht im Sinne von Seminaren. Sondern im Sinne von Offenheit.
Bereitschaft,
- sich auf neue Themen einzulassen,
- alte Gewissheiten zu hinterfragen,
- sich weiterzuentwickeln,
- neugierig zu bleiben.
Denn vielleicht ist das die eigentliche Realität unseres Berufs: Nicht die Tools ändern sich am schnellsten. Sondern die Anforderungen an uns selbst.
Und genau deshalb sind die wichtigsten Skills vielleicht keine Buzzwords aus Stellenanzeigen. Sondern Eigenschaften, die man nicht in oder an Lebensläufen messen kann:
Urteilsfähigkeit. Verlässlichkeit. Neugier. Oder die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen ein guter Gesprächspartner zu bleiben.
Warum es dieser Text in mein Tagebuch geschafft hat
Dieser Beitrag ist entstanden, weil ich das Interview „Beraten, managen, begeistern“ in Ausgabe 1/2026 von „KOM“ gelesen habe.
Vielen Dank an Autorin Kathi Preppner und die von ihr interviewten Experten Gabriele Kaminski und Christian Löcker von der GK Unternehmens- und Personalberatung.
Am besten hat mir Löckers Satz gefallen: „Eine Person, der jegliches Gespür für redaktionelle Qualität fehlt, würde natürlich auch auf Top-Ebene nicht funktionieren.“ Sehr richtig.
Oder Kaminskis Wahrnehmungen zu Beginn: „Viele Unternehmen bauen eigene Public-Affairs-Kapazitäten auf, sowohl in Berlin als auch in Brüssel. Zudem werden die vorhandenen Teams ausgebaut. Hier passiert gerade viel.“

Angesichts meines gerade erst begonnenen MBA-Studiengangs Public Affairs & Leadership setze ich da offensichtlich perspektivisch voll und ganz aufs richtige Pferd.
Welche Kompetenz wird in der Kommunikationsbranche Ihrer Meinung nach am meisten unterschätzt? Schreiben Sie es gern in die Kommentare.
Oder nehmen Sie gern Kontakt mit mir auf.
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