Riester-Nachfolger Altersvorsorgedepot: Die Bundesregierung plant einen grundlegenden Neustart der privaten Altersvorsorge. Die Riester-Rente soll ab 2027 faktisch durch ein neues Altersvorsorgedepot ersetzt werden. Heute berät der Bundestag darüber. Weniger Bürokratie, mehr Kapitalmarkt, geringere Kosten – so lautet das politische Versprechen. Doch während die öffentliche Diskussion vor allem die Vorteile für Geringverdiener hervorhebt, zeigt ein genauer Blick auf die steuerliche Konstruktion ein differenzierteres Bild: Für Gutverdiener könnte die Reform durchaus an Attraktivität verlieren. Der Grund liegt weniger in der Höhe der Förderung als in ihrer Systematik.

Altersvorsorgedepot: Einfacher aufgebaut – anders gewichtet
Das neue Vorsorgedepot soll zentrale Schwächen der Riester-Rente beseitigen. Geplant sind niedrigere Produktkosten, eine stärkere Ausrichtung auf Wertpapieranlagen und ein vereinfachtes Fördersystem. Zudem soll der Zugang für Selbstständige erleichtert werden.
Die Förderung verschiebt sich dabei deutlich in Richtung Zulagen. Kleinere Sparbeiträge sollen prozentual stärker unterstützt werden als bisher. Politisch ist das gewollt: Die staatliche Förderung soll breiter wirken und weniger stark an das Einkommen gekoppelt sein.
Damit verändert sich jedoch auch die Verteilungswirkung. Während das Riester-System stark über den persönlichen Steuersatz wirkte, wird die neue Förderung stärker pauschaliert.
Riester war auch ein Steuermodell
Die steuerliche Attraktivität der Riester-Rente beruhte wesentlich auf der sogenannten Günstigerprüfung. Gerade Gutverdiener profitierten davon, dass ihre Beiträge als Sonderausgaben geltend gemacht werden konnten. Je höher der persönliche Grenzsteuersatz, desto größer fiel der steuerliche Effekt aus.
Das führte dazu, dass für viele Besserverdienende nicht die Zulagen, sondern die Steuerersparnis der eigentliche Fördermotor war.
Dieses Prinzip wird nun abgeschwächt. Zwar bleibt die steuerliche Berücksichtigung grundsätzlich erhalten, doch die relative Bedeutung verschiebt sich zugunsten der Zulagenförderung. Die steuerliche Hebelwirkung hoher Einkommen fällt damit geringer aus als bisher. Bemerkenswert ist dabei eine weitere Änderung: Während bei Riester bis zu 2.100 Euro steuerlich berücksichtigt werden konnten, soll beim neuen Altersvorsorgedepot der maximal zulagefähige Eigenbeitrag bei 1.800 Euro jährlich liegen – zuzüglich der staatlichen Zulagen.
Der zweite steuerliche Effekt wird bisher wenig diskutiert
Ein weiterer Punkt spielt in der öffentlichen Debatte bislang eine überraschend geringe Rolle: der Vergleich mit ungeförderten ETF-Depots.
Denn der Riester-Nachfolger Altersvorsorgedepot folgt – wie Riester – dem Prinzip der nachgelagerten Besteuerung. Während der Ansparphase fallen keine Abgeltungsteuern auf Kapitalerträge an. Die Besteuerung erfolgt erst im Alter mit dem persönlichen Einkommensteuersatz.
Das kann vorteilhaft sein, muss es aber nicht.
Ein normales ETF-Depot unterliegt zwar laufend der Abgeltungsteuer. Diese beträgt jedoch pauschal 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag. Bei Aktienfonds greift zusätzlich eine Teilfreistellung, die die effektive Steuerbelastung weiter reduziert.
Damit entsteht für Gutverdiener ein echter Vergleichsmaßstab: Steuerstundung mit späterer Besteuerung zum persönlichen Steuersatz oder laufende Besteuerung zu einem festen, oft niedrigeren Satz.
Ob sich der staatlich geförderte Weg lohnt, hängt deshalb stark von der individuellen Situation im Ruhestand ab. Wer auch im Alter hohe steuerpflichtige Einkünfte hat, könnte am Ende keinen steuerlichen Vorteil erzielen.
Neues Altersvorsorgedepot: Vom Steueranreiz zum Sparanreiz
Der eigentliche Systemwechsel liegt daher weniger im Produkt als in der Förderphilosophie. Während Riester auch als Instrument steuerlicher Optimierung funktionierte, setzt das neue Modell stärker auf einen einfachen Sparanreiz.
Das macht das System verständlicher und möglicherweise zugänglicher für neue Zielgruppen. Gleichzeitig sinkt jedoch der spezifische steuerliche Anreiz für Personen mit höheren Einkommen.
Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist das kein Zufall, sondern Ausdruck einer bewussten Schwerpunktverschiebung. Die Förderung soll stärker sozialpolitisch wirken und weniger von individuellen Steuersätzen abhängen.
Mehr Breitenwirkung – weniger Steuerhebel
Kritiker sehen darin einen möglichen Zielkonflikt. Eine breitere Förderung könnte zwar mehr Menschen zur Vorsorge bewegen. Gleichzeitig könnte die steuerliche Attraktivität für Gutverdiener sinken, die bisher einen erheblichen Teil der Riester-Einzahlungen ausmachten.
Ob dies tatsächlich zu einer stärkeren Nutzung ungeförderter ETF-Sparpläne führt, wird wesentlich davon abhängen, wie konkurrenzfähig die Kostenstruktur der neuen Produkte tatsächlich sein wird.
Fazit: Weniger Steueroptimierung, mehr Standardförderung
Die häufig zu lesende Aussage, Gutverdiener würden durch die Reform grundsätzlich schlechter gestellt, greift zu kurz. Die Förderung entfällt nicht. Sie verändert jedoch ihren Charakter.
Treffender ist daher eine andere Bewertung: Die Reform reduziert bewusst die steuerliche Progressionswirkung der Förderung und verschiebt den Fokus hin zu einer stärker pauschalen Unterstützung.
Der Riester-Nachfolger Altersvorsorgedepot ist damit weniger ein Instrument zur Steueroptimierung als ein staatlich unterstütztes Standardsparmodell.
Für viele dürfte genau das die gewünschte Vereinfachung sein. Für Gutverdiener könnte es dagegen vor allem eines bedeuten: weniger steuerliche Hebelwirkung als bisher.
KOMMENTAR: Gut gedacht, noch nicht zu Ende gemacht
Richtiger Ansatz, aber entscheidend bleibt: Die Kosten müssen strikt gedeckelt bleiben – hier ist die Kritik von Finanztip absolut berechtigt.
Dass künftig nur Eigenbeiträge bis 1.800 Euro pro Jahr förderfähig sein sollen, bleibt enttäuschend. Schon die bisherigen Grenzen galten vielen als zu niedrig. Selbst mit Zulagen bleibt diese Reform damit hinter den bisherigen steuerlichen Fördermöglichkeiten für höhere Einkommen zurück.
Andere europäische Länder zeigen, wie es gehen kann: einfache, günstige Standardprodukte. Genau darauf kommt es jetzt an. Die Chance liegt in einem wirklich kostengünstigen Basisprodukt – notfalls auch mit klarer staatlicher Leitplanke.
Am Ende entscheidet nicht die Idee. Sondern der Preis.
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